Nicht länger unbekannt - „Kriegstote“ in Derichsweiler wurden im Oktober 1944 von der Gestapo ermordet

Veröffentlicht: Freitag, 26. Juni 2020

Düren. In Derichsweiler wird an drei vermeintliche „Kriegstote“ erinnert. Recherchen des Bertram-Wieland-Archiv e.V. ergaben nun, dass diese durch die Nazis ermordet wurden. In einem Schreiben an die Kommunalpolitik hat der Verein angeregt, die "Ehrenanlage" umzugestalten.

„Auf einer kleinen Ehrenanlage auf dem Derichsweiler Friedhof sind drei deutsche Kriegstote, die gegen Ende 1944 in Derichsweiler erschossen worden sind, zur letzten Ruhe gebettet.“ So steht es auf der Internetseite www.ehrenmale-kreis-dueren.de. Wer die drei Erschossenen sind und unter welchen Umständen sie getötet wurden erfährt der Leser nicht. Auf der Internetseite ist in einer Tabelle mit der Bezeichnung Kriegsgräber zu lesen:

Unbekannt,
Hermann Edelhoff 1889; 1944,
Unbekannt.

Dies ist wohl ein Hinweis auf die erwähnten Erschossenen.

Ehrenanlage Derichsweiler am 06.06.2020 (Foto: Schostal/Bertram-Wieland-Archiv e.V.)

Die „Ehrenanlage“ auf dem Friedhof in Derichsweiler besteht aus drei größeren Steinkreuzen, die in einer Reihe aufgestellt sind. Auf dem linken und rechten Kreuz stehen Namen von Kriegstoten, das mittige Kreuz ist hingegen ohne Beschriftung. Vor jedem Kreuz ist jeweils eine kleinere Steinplatte in den Boden eingelassen. Auf der linken Platte steht der Name Leonore Kurth, auf der in der Mitte der Name Hermann Edelhoff und auf der rechten steht „UNBEKANNT“. Steht man vor dieser Anlage, kann man durch die Namen auf den Kreuzen zwar erfahren, dass es sich bei den dort Genannten offensichtlich um Kriegstote handelt. Das war es dann aber auch.Warum auf den Steinplatten vor den Kreuzen auf zwei Platten jeweils ein Name steht erschließt sich leider nicht. Auch nicht, was es mit der dritten Steinplatte für eine Bewandtnis hat, auf der „UNBEKANNT“ steht. Nachforschungen des Bertram-Wieland-Archiv e. V. bezüglich der unbekannten Toten, die Ende 1944 in Derichsweiler erschossen und auf dem Friedhof in Derichsweiler vergraben wurden, haben Folgendes ergeben: Bei den Ermordeten handelt es sich um den deutschen Staatsbürger Hermann Edelhoff, geb. am 09.10.1889 in Essen,

Tot-Stammkarte Hermann Edelhoff (Quelle: digitales Archiv ITS Bad Arolsen: Teilbestand: 2.2.2., Akten ID: 72146823 –Verschiedene Behörden und Firmen (Einzelpersonen-bezogene Unterlagen)), Kriegszeitkartei (Melde- und Registrierkarten, Arbeitsbücher, individueller Schriftverkehr), Totenstammkarte)

den niederländischen Staatsbürger Johannes Hendricus Krop, geb. am 05.06.1921 in Steenwijk,

Tot-Stammkarte Johannes Hendricus Krop Quelle: Digitales Archiv ITS Bad Arolsen: Teilbestand: 2.2.2., Akten ID: 73200913 –Verschiedene Behörden und Firmen (Einzelpersonen-bezogene Unterlagen)), Kriegszeitkartei
(Melde- und Registrierkarten, Arbeitsbücher, individueller Schriftverkehr), Totenstammkarte)

und den französischen Staatsbürger Ferdinand Fernand, geb. am 02.07.1922 in Dillong.

Tot-Stammkarte Ferdinand Fernand (Quelle: Digitales Archiv ITS Bad Arolsen: Teilbestand: 2.2.2., Akten ID: 72217206 –Verschiedene Behörden und Firmen (Einzelpersonen-bezogene Unterlagen)), Kriegszeitkartei (Melde- und Registrierkarten, Arbeitsbücher, individueller Schriftverkehr), Totenstammkarte)

Alle drei sind wahrscheinlich, bei Hermann Edelhoff ist es sicher, dem Gefangenenlager Rodgau-Dieburg entflohen. Sie wurden dann offensichtlich kurz nach der Flucht im Kreis Düren von den Faschisten gestellt und am 19.10.1944 von der Gestapo, SS-Einsatzkommando III Düren, erschossen und auf dem Friedhof in Derichsweiler vergraben. Das SS-Einsatzkommando war eins von vier Kommandos der Gestapo Außenstelle Aachen und hatte vier Einsatzkommandos: I Erkelenz, II Jülich, III Düren und IV Schleiden. Leiter der Gestapo Außenstelle Aachen war damals der SS-Hauptsturmführer und Kriminalrat Richard Bach. Unter dessen Leitung fanden mindestens 81 Erschießungen statt. (vgl. Hubert Rütten: Jüdisches Leben im ehemaligen Landkreis Erkelenz. Lebensspuren-Spurensuche ; "... ihnen will ich in meinem Haus und in meinen Mauern ein Denkmal und einen Namen geben … der nicht getilgt werden soll" (Jesaia 56:5), Erkelenz 2008, S.89). Erst mit diesen Informationen erschließt es sich teilweise, wofür die drei in den Boden vor den Kreuzen eingelassenen Platten stehen. Eine für Hermann Edelhoff, eine für einen der beiden anderen als bisher als unbekannt angegebenen Erschossenen. Warum eine der Platten die Inschrift
Leonore Kurth enthält, ist derzeit für uns nicht nachvollziehbar.

Steinplatte vor dem linken Kreuz und Steinplatte für Herman Edelhoff vor dem Kreuz in der Mitte (Fotos: Schostal/Bertram-Wieland-Archiv e.V.)

 

Steinplatte vor dem rechten Kreuz (Foto: Schostal/Bertram-Wieland-Archiv e.V.)

Bei unseren Nachforschungen konnten wir bis jetzt leider nur über die Person Hermann Edelhoff mehr erfahren (siehe Anhang 1). Wir werden die Nachforschungen aber fortsetzen. Die derzeitige Gestaltung der „Ehrenanlage“ halten wir vor dem Hintergrund unserer Nachforschungen für inakzeptabel. Die Namen der Opfern müssen - jetzt wo sie bekannt sind – auch benannt werden. Auch die Umstände unter denen sie ums Leben kamen sollten dem Besucher nicht länger vorenthalten werden.

Bei der Tot-Stammkarte von Krop ist als Todesdatum der 19.04.1944 eingetragen. Offensichtlich ein Schreibfehler. Denn in der Auflistung der 81 Erschossenen der Gestapo Außenstelle Aachen vom 05.01.1945 an die Gestapo Köln ist, wie bei Edelhoff und Fernand, der 19.10.1944 als Tag der Erschießung eingetragen.


Biografisches zu Hermann Edelhoff

Handelsvertreter. Geboren am 09.10.1889 in Essen. War verheiratet mit Margaretha Herkerath, mit der er fünf Kinder hatte. Wohnte in Schmidt-Froitscheidt, Haus-Nr. 23, heute Nideggen-Schmidt, Froitscheidter Straße 117. Ab dem 22.07.1937 im KZ Sachsenhausen, Haftgrund: Vorb-Haft, Haft-Nr. 761. (Quellenangaben: digitales Archiv ITS Bad Arolsen: Teilbestand: 1.1.38.1,  Akten ID: 4093298 – Veränderungsmeldungen des KL Sachsenhausen) Am 22.10.1937 aus dem KZ Sachsenhausen entlassen. Quellenangaben: digitales Archiv ITS Bad Arolsen: Teilbestand: 1.1.38.1,  Akten ID: 4093389 – Veränderungsmeldungen des KL Sachsenhausen) Wohnte bis Ende 1942 in Zerkall, Mühlenweg 2. Am 28.06.1943 verhaftet, weil er sich am 16.12.1942, während einer Zugfahrt von Nideggen-Brück nach Düren, gegenüber dem Bäcker und Konditormeister Reiner Rey aus Düren, Wirtelstr. 7, abfällig über den Staat und Hitler geäußert hatte. Eine Frau Saeger und eine Frau Granderath, deren Männer Soldat waren, bekamen das Gespräch mit. Frau Saeger, die Hermann Edelhoff kannte, erstattete daraufhin Anzeige und gab Frau Granderath als Zeugin an. Verfahren AZ: 5 O.Js. 46/43 vor dem OLG Hamm am 17.09.1943, gegen Hermann Edelhoff und Reiner Rey, wegen Wehrkraftzersetzung, abfällige Äußerungen gegen den Staat im Zug Nideggen-Düren. Verurteilt zu 1 Jahr und 6 Monaten Zuchthaus. Ab 09.11.1943 im Zuchthaus Siegburg, Gefangenenbuch-Nr. 1167/43. (Quellenangaben: digitales Archiv ITS Bad Arolsen: Teilbestand: 1.2.2.1,  Akten ID: 11469503 – Karteikarten von Häftlingen des Zuchthauses Siegburg) War bis zum 03.09.1944 im Zuchthaus Siegburg. Ab 04.09.1944 im Arbeitslager Rodgau-Dieburg, Haft-Nr. 1375. (Quellenangaben: digitales Archiv ITS Bad Arolsen: Teilbestand: 1.2.2.1,  Akten ID: 11297069 –  Abrechnungsbuch für Arbeits- und Leistungsbelohnungen des Gefangenenlagers Rodgau-Dieburg)  Am 12. Oktober 1944 zusammen mit Johannes Hendricus Krop und Fernand Fernandez aus dem Gefangenenlager Rodgau-Dieburg, Außenarbeitsstelle Lorsch, vom Arbeitseinsatz auf dem Flugplatz Biblis, geflohen. (Quellenangaben: digitales Archiv ITS Bad Arolsen: Teilbestand: 6.3.3.2,  Akten ID: 90979495 – Korrespondenzakte T/D-26 719) Hermann Edelhoff wurde zusammen mit Johannes Hendricus Krop und Ferdinand Fernandez, am 19.10.1944 in Derichsweiler (Standesamt Mariaweiler), von dem Einsatzkommando III Düren, der Gestapo Außenstelle Aachen, erschossen. (Quellenangaben: digitales Archiv ITS Bad Arolsen: Teilbestand: 1.2.2.1,  Akten ID: 11404451 –  Verzeichnis erschossener Personen v. 05.01.1945) Bestattet auf dem Friedhof Derichsweiler, Grab Nr. 368. (Quellenangaben: digitales Archiv ITS Bad Arolsen: Teilbestand: 2.2.2.,  Akten ID: 72146823 – Verschiedene Behörden und Firmen (Einzelpersonen-bezogene Unterlagen)), Kriegszeitkartei (Melde- und Registrierkarten, Arbeitsbücher, individueller Schriftverkehr), Tot-Stammkarte)  Die Todesmeldung erfolgte durch das Landeskriminalamt Düsseldorf, Jürgenplatz 5-7, Dezernat 15, Tagebuch-Nr. 6752, v. 17.05.1968. Todesurkunde Standesamt Mariaweiler 1968. Margaretha Edelhoff wohnte 1969 in 5168 Nideggen-Schmidt, Froitscheidter Straße 117. Wiedergutmachungsakte: ZK 1542 Tr/Bo. LAV Münster: Q 211a Nr. 10671 (Verfahren 5 O.Js. 46/43) Der Bäcker und Konditormeister Reiner Rey * 24.05.1891 in Düren (Bäckerei, Konditorei und Café gegründet 1843)  ist 1951 Mitglied im BVN und wohnt in Düren, Wirtelstraße 7. LAV Münster: Q 920/Justizvollzugsanstalt Hamm, Nr. 2497: Vergehen gegen das Heimtückegesetz.


Schreiben an die Dürener Kommunalpolitik vom 22. Juni 2020

An den Bürgermeister der Stadt Düren

An die demokratischen Fraktionen im Dürener Stadtrat

An den Vorsitzenden des Bezirksausschusses Derichsweiler

- per Mail -

 

Gedenktafel Grabstelle Unbekannt, Friedhof Derichsweiler

Sehr geehrter Herr Larue,

sehr geehrte Damen und Herren,

bei unseren Nachforschungen zur lokalen Geschichte der Arbeiterbewegung sind wir u.a. auf den aus Nideggen-Schmidt stammenden Hermann Edelhoff gestoßen. Edelhoff ist auf dem Friedhof in Derichsweiler begraben. Er wurde mit zwei weiteren flüchtigen Personen am 19. Oktober 1944 durch die SS erschossen. Diese sind sind als „unbekannt“ auf dem Friedhof begraben. Edelhoff wurde durch die Nazis politisch verfolgt und war u.a. im Konzentrationslager Sachsenhausen inhaftiert. Im Oktober 1944 gelang ihm die Flucht aus dem hessischen Gefangenenlager Rodgau-Dieburg.

Dieser Kontext erschließt sich Besucherinnen und Besuchern der „Ehrenanlage“ in Derichsweiler nicht. Bei Edelhoff handelt es – ebenso wie bei den beiden weiteren durch die SS ermordeten Personen Johannes Hendricus Krop und Ferdinand Fernand – sich nicht um einen „Kriegstoten“, sondern um Opfer des Faschismus. Wir finden es inakzeptabel und historisch falsch, dass die Anlage in Derichsweiler gleichzeitig an Opfer und Täter erinnert.

Wir fragen hiermit an, ob die Anlage so gestaltet bzw. ergänzt werden kann, dass diesem Umstand Rechnung getragen wird. Dies wäre z.B. möglich, in dem auf dem Grabstein „Unbekannt“ eine Gedenkplatte befestigt wird, die Namen und Geburtsdaten der Ermordeten sowie nähere Informationen zu den Umständen ihres Todes enthält.

Erste Ergebnisse unserer Nachforschungen fügen wir diesem Schreiben bei.

Mit freundlichen Grüßen

H. Krüger D. Clemens

(für den Vorstand des Bertram-Wieland-Archiv e.V.)


 (Aktualisiert: 26.07.2020)

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